Leben der Kopffüßer
Übersicht
Hier soll es um die Kopffüßer gehen, die man als Schnorchler und Freitaucher einerseits an den Stränden und Küsten des Mittelmeers, andererseits an solchen der Karibik antreffen kann. Im Mittelmeer kann man sicher zwei Arten als besonders häufig ansehen, die Gemeine Sepia („Tintenfisch“) und den Gemeinen Kraken. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass diese Arten wirklich an allen Stränden vorkamen, an denen ich unterwegs war, bin aber inzwischen überzeugt davon. Dies wird teilweise auch durch Berichte anderer Schnorchler untermauert. Diese Tiere sind wahrscheinlich „überall“ da, aber sie sind Meister der Tarnung. Dass ich sie mittlerweile so häufig sehen und aufnehmen konnte, habe ich meiner Frau und vor allem meinem älteren Sohn zu verdanken, die Meister im Auffinden dieser und auch anderer Tiere sind. Außer den Kraken und Sepien existiert rezent noch eine weitere große Kopffüßer-Gruppe, die Kalmare, die ebenfalls im Mittelmeer vertreten ist, leider jedoch nicht an den Küsten. In der Karibik jedoch treten die Kalmare an die Stelle der Sepien. Das heißt, es gibt dort keine Sepien, aber stattdessen Kalmare. Diese kann man ähnlich leicht auffinden und beobachten wie Sepien. Vermutlich übernehmen sie dort die gleiche ökologische Rolle wie die Sepien im Mittelmeer. Ich stelle hier den Karibischen Riffkalmar vor, dem ich mehrfach begegnet bin. Die vierte, einst artenstarke Gruppe, wird von den Nautilus gebildet. Nach den beiden letzten großen Massensterben der Erdgeschichte sind von ihnen nur noch wenige Arten übrig geblieben, die überdies wegen ihrer schönen Schalen vom endgültigen Aussterben bedroht sind ([Hanlon2018]).
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Gemeiner Krake (Octopus vulgaris)

Den ersten Kopffüßer, den ich als Schnorchler in freiem Wasser sah, entdeckte meine Frau: einen Gemeinen Kraken (Octopus vulgaris). Sie entdeckte das Tier auf einem großen Felsen unter Wasser, wie es mit seinen Fangarmen schlängelte. Plötzlich legte der Krake seine Fangarme an den Körper und bewegte sich sehr schnell wie mit einem Raketenantrieb zur nächsten Felsformation. Dort versteckte er sich in einer Nische. Sie winkte mir dann aus dem Wasser zu, und ich beeilte mich, am Strand in meine Ausrüstung zu kommen. Bis ich eintraf, blieb der Krake in seiner Nische. Obwohl meine Frau mir genau gezeigt hatte, wo er sich befand, hatte ich große Mühe, das Tier zu erkennen, so gut war es getarnt. Als ich schließlich seinen Standort begriffen hatte, tauchte ich auf den Grund, und legte mich – unterstützt von meinen Bleigewichten – bäuchlings direkt vor dem Felsvorsprung auf den Sandboden. So entstanden meine ersten Aufnahmen eines Kraken, aus ein bis zwei Meter Entfernung. Es war eine eindrucksvolle Erfahrung.
Was zu der Zeit, als ich diesen Artikel ursprünglich verfasste, eher die Ausnahme war, hat inzwischen schon beinahe den Status des Normalen, vor allem was die Beobachtung von Kraken betrifft. Allein bei unserem Aufenthalt an der Côte d‘Azur in 2025 hat mein älterer Sohn innerhalb von etwa zwei Wochen bei fast jedem Tauchgang einen Kraken gesehen, manchmal zwei, und zusätzlich zwei oder drei Mal in dieser Zeit Sepien. Auch in der Karibik habe ich einen Gemeinen Kraken entdeckt und reichlich Bilder und Videos von ihm aufnehmen können.
In einem hochinteressanten und ausführlichen englischsprachigen Artikel der New York Times (2025-09-11): Ein Wörterbuch der Bewegungen von Octopus vulgaris wird darüber berichtet, dass die Forscherin Chelsea Bennice vom Florida Atlantic University Marine Science Laboratory ein „Wörterbuch“ der Armbewegungen von Octopus vulgaris erfasst hat, wobei fast 4000 Bewegungen einbezogen wurden, mit zwölf unterschiedlichen Grundbewegungen, die zu 15 verschiedenen Verhaltensweisen kombiniert werden konnten. Dabei agiert jeder Arm eigenständig. In einem youtube-Video (ca. 1 h 17 min) kann man viel weiteres zu ihren Forschungen erfahren.
Sehr zu empfehlen ist auch die folgende ZDF Doku: Hannes Jaenicke: Im Einsatz für den Oktopus.
Gemeine Sepia (Sepia officinalis)
Schon lange hatte ich mir gewünscht, wieder einer Sepia im freien Wasser zu begegnen! Als Kind hatte ich bereits Sepien gesehen, wenn ich mit Taucherbrille, Schnorchel und Flossen in der Adria unterwegs war, und wusste, wie schön diese Tiere sind. Meine Begegnungen waren aber, soweit ich mich erinnere, nie von längerer Dauer. Als ich viel später als Erwachsener das Schnorcheln wieder aufnahm, auch mit dem Freitauchen anfing und allmählich Unterwasserfotografie zu meinem Hobby machte, wuchs der Wunsch, diesen Tieren wieder zu begegnen und sie fotografieren und filmen zu können. Das hat dann aber noch lange auf sich warten lassen. Von Berichten anderer Schnorchler, an der Côte d‘Azur und in Korsika, wussten wir, dass dort zwar keine Sepien, aber Kraken gesichtet worden waren. Es war klar, dass es nicht leicht war, diese Tiere zu entdecken, da sie sich sehr gut tarnen können. Schließlich entdeckte sogar mein älterer Sohn während eines Aufenthalts an der Côte d‘Azur einen Kraken. Da ich jedoch nicht in der Nähe gewesen war, konnte ich auch dieses Tier nicht selbst sehen oder gar fotografieren.

Dann war es soweit: Vor der Ostküste Sardiniens begegnete mir über den Felsen, die sich dort unter Wasser befanden, eine Sepia (Sepia officinalis). Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, was ich da vor mir hatte! Dann nutzte ich die Gelegenheit und hatte das unbeschreibliche Vergnügen, sie fünfundzwanzig Minuten lang auf ihrem Weg durch die Unterwasser-Landschaft am Rande einer kleinen Bucht zu begleiten und sie dabei nahezu ununterbrochen im Blick zu behalten und fotografieren und filmen zu können. Es waren die aufregendsten 25 Minuten meines Schnorchler-Daseins, und sogar ein kleines Drama war dabei inbegriffen! Vermutlich haben die meisten Menschen, die sich für die Unterwasserwelt interessieren, ein solches Tier schon einmal in einem Aquarium, Zoo oder in einem Naturfilm gesehen, so wie ich auch. Nichts davon hat mich aber auf die Eleganz und Mühelosigkeit vorbereitet, mit der dieses Tier – relativ dicht über dem Grund – durch das Wasser glitt, und dabei Geschwindigkeiten erzielte, die es einem normal-sportlichen Schnorchler ohne Flossen wohl nicht erlauben würden, ihr über längere Zeit zu folgen. Mit meinen Freediving-Flossen hatte ich dieses Problem allerdings nicht. Die charakteristische, wellenförmig schwingende muskulöse Saumflosse, die den Vortrieb in Vorwärts- wie Rückwärtsrichtung hervorrufen kann, ist für mich geradezu ein Inbegriff von Schönheit bei der Fortbewegung; ein Anblick, an dem ich mich nicht satt sehen kann, und den ich auch jetzt, längere Zeit seit der Begegnung, noch vor mein „inneres Auge“ zurückrufen kann.

Beachte, wie genau Farbe und Struktur der Sepia im vorangegangenen Bild zu ihrem Hintergrund passen – bis hin zu dem hellgelben Fleck, der gerade so wirkt, als wäre das Tier transparent! [Hanlon2018] bezeichnen diese Fähigkeit als Rapid Adaptive Coloration und geben an, dass diese Tiere einen Wechsel von Farbe und Muster innerhalb einer Fünftelsekunde durchführen können. Und damit wären wir beim zweiten herausragenden Merkmal besonders der Sepia, aber darüber hinaus auch der meisten anderen Kopffüßer. Vergleiche doch einmal die verschiedenen Aufnahmen der Sepia, und beachte, dass alle Bilder der großen Sepia auf dieser Seite vom gleichen Tier stammen und innerhalb der angesprochenen 25 Minuten aufgenommen wurden! (Weiter unten folgen noch Bilder von mehreren kleineren Exemplaren.) Unter anderem wirkt der Bereich, den man die „Augenbraue“ nennen könnte, in den ersten Aufnahmen grün, in späteren Bildern orange. Während ich der Sepia folgte, durchquerten wir mehrere aneinander grenzende „Unterwasserlandschaften“, vorbei an kahlen oder von Algen oder Neptungras bewachsenen Felsen und auch über den sandigen Meeresboden. Die Sepia passte immer wieder wirklich augenblicklich ihr Muster und ihre Farbe an. Über dem Sand zeigte sie dabei immer ihre „Tigerstreifen“ oder „Zebrastreifen“, das – anscheinend bei Männchen – so eine Art Grundmuster dieser Spezies zu bilden scheint (siehe folgendes Bild).

Die Sepia kam mehrmals dicht an verschiedenen Fischen vorbei, zum Beispiel an mehreren Schriftbarschen und an einem 30..40 cm langen gelblich-grünen Lippfisch, den ich mir sehr gerne auch genauer angeguckt hätte, aber ich habe mich dafür entschieden, der Sepia weiter zu folgen.
Noch eine Sepia – und ein unerwarteter Kampf
Zu meiner Verblüffung begegnete die Sepia in einem Einschnitt zwischen zwei größeren Felsen unvermittelt einem weiteren, etwas kleineren Exemplar. Gleich zwei Sepien auf einmal! Leider habe ich davon kein Bild und kein Video, und nach kurzem Nebeneinander-her-Schwimmen trennten sich die beiden wieder voneinander und ich folgte „meiner“ Sepia. Einmal schwamm sie mitten in eine Schule junger Goldstriemen hinein und wurde für kurze Zeit quasi ein Teil des Schwarms. Die Goldstriemen reagierten nicht irritiert auf sie. Und dann, ohne Vorwarnung, erfolgte eine Attacke wie aus dem Nichts! Es passierte im Bruchteil einer Sekunde. Die große Sepia wurde angegriffen, von einem anscheinend etwas kleineren Exemplar, das von unten her auf sie zuschoss und sie blitzartig mit ihren Armen umklammerte. Das sah bedrohlich aus, und war es auch, denn in der Mitte des Armkranzes sitzt der Mund mit seinem scharfkantigen und harten papageienartigen Schnabel, mit dem er seine Beute zerkleinert. Es ging ganz schnell, dann ließ der Angreifer wieder los, und die größere Sepia zog sich etwas benommen zurück. Das war nun die dritte Sepia im gleichen Tauch- bzw. Schnorchelgang. Ich war gleichermaßen geschockt wie begeistert.

Erst viel später stellte ich fest, dass ich von dieser Attacke auch etwas auf einem Video hatte. Praktisch zu kurz, um auch nur von einer Videosequenz zu sprechen, und beinahe hätte ich diese Aufnahme übersehen, entdeckte sie dann aber doch noch. Auf einem zusammengeschnittenen Video ist diese Aufnahme enthalten, aber man sieht nur ganz kurz die Fangarme der zweiten Sepia, wie sie die erste Sepia umklammern, und dann ist die ganze Begegnung schon vorbei. Ein Screenshot dieser Aufnahme hat zum Bild des Angriffs geführt, das hier zu sehen ist.
Wie man auf dem nachfolgenden Screenshot sieht, befanden sie sich kurz nach der Umklammerung noch nebeneinander, entgegengesetzt ausgerichtet. Das ist die einzige Aufnahme, die ich habe, auf der beide Exemplare vollständig, wenn auch unscharf, zu sehen sind. Die Arme des Angreifers sind immer noch ausgestreckt. Es scheint sich aber bei keinem um einen Tentakel zu handeln. (Über den Unterschied zwischen Armen und Tentakeln siehe unten.)
Was ich bisher für einen Angriff gehalten habe, könnte aber auch ein sexueller Akt gewesen sein, bei dem das Männchen – sofern es eines war – dem Weibchen – ditto – ein Samenpaket unter den Mantel gesteckt hat.
Ich folgte der Sepia so lange, wie ich konnte, bis ich merkte, dass mir allmählich kühl wurde. Sie setzte mehrmals ihren Raketenantrieb ein, jedoch immer nur für ein, zwei Meter, und wirkte nicht besonders hektisch dabei. Einmal drehte sie am Ende ihren Körper um und schwamm dann ohne Hilfe des Siphons in der gleichen Richtung weiter. Es wirkte wirklich nicht so, als ob sie sich von mir bedroht gefühlt hätte. Eine Tintenwolke hat sie schon gar nicht ausgestoßen. Allerdings bin ich mir sicher, dass sie mich die ganze Zeit über wahrgenommen hat. Und sicher wollte sie mich loswerden… Es schien sie auch nicht besonders zu irritieren, wenn ich von der Wasseroberfläche herunter auf ihr Niveau gekommen bin und dann höchstens zwei bis drei Meter hinter ihr her schwamm.

Karibischer Riffkalmar (Sepioteuthis sepioidea)
Für Schnorchler und Freitaucher wie mich ist der Karibische Riffkalmar Sepioteuthis sepioidea – in der Karibik – ein ideales Zielobjekt, denn diese Spezies hält sich hauptsächlich in der Nähe von Korallenriffen auf, und zwar in einer Tiefe von 0 bis 20 m, meistens jedoch zwischen 3 und 7 m ([Cephalopods2]). So sind mir auch die hier gezeigten Exemplare während unserer Tauchreise in die Karibik an der Küste von Curaçao begegnet. Ein zweiter möglicher Lebensraum sind flache Wiesen des Seegrases Thalassia testudinum. Außerhalb dieser Lebensräume ist die Art nicht zu finden, was ihre Verbreitung erheblich einschränkt. Nach gegenwärtiger (2015) Einschätzung gilt die Spezies als nicht vom Aussterben bedroht, jedoch kann die Bedrohung der Korallenriffe durch die globale Erwärmung erhebliche Auswirkungen auf diese Art haben.

Der Anblick ihres stromlinienförmigen Körpers und die elegante Bewegung gleichermaßen vorwärts wie rückwärts und der nahtlose Wechsel zwischen diesen Bewegungsrichtungen hat mich begeistert. Vieles an der Fortbewegung hat mich an die Gewöhnliche Sepia erinnert, und sie trägt ja die Ähnlichkeit zu dieser Tiergruppe sogar in ihrem wissenschaftlichen Namen. Ähnlich wie bei der Sepia werden die acht kleinen Arme dabei vor dem Kopf zu einem spitzen Kegel zusammengezogen gehalten, wobei die beiden langen Tentakel hier nicht zu erkennen sind. Ihre Saum-Schwimmflosse nimmt etwa zwei Drittel des Mantels ein.
Auffällig sind die riesengroßen Augen. Kein Tier im gesamten Tierreich hat eine im Verhältnis so große Augengröße.

Auf dem nächsten Bild kann man die ausgestreckten Tentakel und die Arme sehen. Besser wird es weiter unten.
Ich bin dieser Art an mehreren Tagen begegnet, einmal sogar zweimal am gleichen Tag. Bei diesen beiden Begegnungen ist mir sogar eine Gruppe von drei Exemplaren begegnet, die gemeinsam miteinander schwammen. Beim zweiten Tauchgang fand ich sie auf Anhieb an der gleichen Stelle wie beim ersten; jedenfalls schienen es wirklich die gleichen Exemplare gewesen zu sein. Die Tiere hielten Abstand, waren aber nicht besonders scheu und ergriffen nicht die Flucht. Das Muster ihrer Mäntel zeigte keine Stresssymptome und veränderte sich überhaupt nur sehr wenig. Diese Gruppe dürfte sogar verhältnismäßig klein gewesen sein, denn laut [Cephalopods2] liegen typische Gruppengrößen zwischen 4 und 50 Exemplaren; nach [Weinberg2025] sind es immerhin 2 bis 10.

Der Größe nach zu urteilen, könnte es sich um mehrere Weibchen gehandelt haben. Männchen werden früher geschlechtsreif und erreichen daher bis zur Paarung typischerweise eine kleinere Länge. Die größten Exemplare der Spezies erreichen eine Mantellänge von etwa 20 cm; die beobachtete Größe liegt wegen der Arme darüber. Mir kamen die Tiere sogar noch größer vor. Die Tiere zeigen auch ein anderes Muster als das golden-rotbraune Gewand, das ich die meiste Zeit gezeigt bekam. Dieses Muster – vor allem des mittleren Exemplars – erinnert mich ein wenig an die Tigerstreifen der Sepias. Über den Wechsel von Farbe und Muster speziell bei dieser Art kann man einiges nachlesen und anschauen auf The Cephalopod Page, einer sehr interessanten Quelle.

Dieses einzelne Exemplar hier zeigte die auch von manchen Fischen bekannten, dort aber als permantes Muster vorhandenen, schwarzen Augenflecken, ein in der Literatur bereits bekanntes Phänomen ([Cephalopods2]). Es dient dazu, einen potentiellen Angreifer zu verwirren. Dass dieser Kalmar es zeigte, während ich ihm folgte, kann also als leichtes Stresssymptom gedeutet werden.

Auf dem nächsten – nicht ganz scharfen – Bild kann man sehr gut die Saumflosse in Bewegung sehen. Man kann auch erkennen, wie groß sie im Vergleich zum Mantel ist.


Es folgen zwei Bilder, auf denen die mit Saugnäpfen besetzten Tentakel deutlich zu erkennen sind. Wie immer kann man die Bilder anklicken, um größere und höher auflösende Versionen zu erhalten.

Meister der Tarnung
Betrachte doch einmal das folgende Bild. Vielleicht möchtest du es durch Anklicken vergrößern?

Siehst du das Tier? Erkennst du das Auge? Es handelt sich nicht etwa um den orangefarbenen Bereich in der Nähe des Siphons ungefähr in der Bildmitte! In der Haut eines Kraken befinden sich Millionen von direkt neural kontrollierten Chromatophoren, farbgebende Zellen, von denen jede entweder gelb, rot oder braun ist, und „an- und abgeschaltet“ werden kann. [Hanlon2018] vergleichen sie mit den Pixeln eines hochauflösenden digitalen Monitors. Beachte außerdem die diversen Ausstülpungen der Haut, die Papillae, die ebenfalls enorm veränderlich sind! Immerhin sind auf diesem Bild die Tentakel relativ gut zu erkennen. Dennoch ist dieser Krake in freier Wildbahn fast nicht wahrnehmbar.
Der Übergang von einem Farbmuster zu einem anderen erfolgt „augenblicklich“. Die folgenden Bilder einer zweiten Sepia sollen einen weiteren Eindruck vermitteln:

Diese Sepia war übrigens verhältnismäßig klein im Vergleich zum zuerst gezeigten und beschriebenen Exemplar. Es war ungefähr 15..20 cm lang. Hier noch ein anderes Bild von dieser Schönheit:

Kopffüsser sind Weichtiere

Die Begegnung mit den Sepien hat mich dazu bewegt, mich sehr viel gründlicher als bisher mit den Cephalopoda, den Kopffüßern, zu beschäftigen. Meine Quellen waren hauptsächlich [Hanlon2018], [Staaf2020], und [Staaf2023], drei flüssig und informierend geschriebene Bücher, die ich sehr empfehlen kann. Unter anderem habe ich folgendes gelernt:
Kopffüßer (Cephalopoda) sind Weichtiere (Mollusca), so wie Muscheln und Schnecken. Weichtiere haben keinen Knochen, besitzen jedoch typischerweise eine Schale. Die meisten modernen Kopffüßer haben jedoch ihre äußere Schale im Verlauf der Evolution verloren und zu einer anderen Struktur (siehe unten) umgebildet. Von Bedeutung ist außerdem, dass die Kopffüßer wie andere Weichtiere auch eine Radula besitzen, ein mit Zähnen besetztes Band, das an der Zunge sitzt und sich vor und zurück bewegen kann. Mit ihr können Fleischstücke von Beutetieren abgeraspelt und tiefer in den Schlund hinein transportiert werden. Zusätzlich besitzen die Cephalopoden aber wie die Sepia einen harten, scharfkantigen Schnabel. Die Sepien besitzen außerdem noch einen Innenkranz von Ärmchen oder armartigen kleinen Strukturen, der bei der Zufuhr der Nahrung zum Mund oder Schnabel behilflich ist.

Begegnung mit einem Kraken an einem Strand
Die folgende Bilderreihe habe ich an einem Strand an der Côte d‘Azur in etwa brusttiefem Wasser aufgenommen, wohin sich ein Krake anscheinend verirrt hatte – oder war es Neugier?
Das erste Bild habe ich von der Wasseroberfläche aus aufgenommen.

Alle folgenden Bilder habe ich aufgenommen, nachdem ich mich ein bis zwei Meter entfernt von dem Tier auf den Boden gelegt hatte.

Dem Kraken wurde meine Anwesenheit so in seiner Nähe offenbar ungemütlich, und er hat damit begonnen, kleine Ausstülpungen der Haut zu bilden, die ihn für mich tarnen sollten. Den Einsatz dieser Papillae, um die Oberflächenstruktur des Haut zu verändern, ist seine zweite Fähigkeit neben dem phänomenalen Farbwechsel, zu dem er ja fähig ist, den er aber diesmal nicht eingesetzt hat. Außer den Kraken besitzen im Tierreich nur noch die Sepien Papillae ([Hanlon2018]).


Dann aber, als er wohl merkt, dass ich dennoch weiter auf ihn aufmerksam bin, startet er seine Flucht mit Hilfe seines Siphons:

Und schon ist er weg, uneinholbar schnell auch für mich mit meinen langen Flossen! Ein, zwei Sekunden später ist er bereits ausser Sichtweite.

Octopus vulgaris – auch in der Karibik
Auch in der Karibik habe ich einen Gemeinen Kraken (Octopus vulgaris) beobachtet. Es ist ja auch kein Wunder, denn diese Spezies ist ein wahrer Kosmopolit. Jedenfalls wollte ich euch die schönen Bilder auf keinen Fall vorenthalten 😉


Auch hier ist wieder faszinierend, wie der Krake Farbe und Muster und sogar die Hautoberfläche geändert hat! Erst im 1. und 2. Bild

Dann im 3. und 4. Bild

Zur Evolution der Kopffüßer
Die Gruppe der Cephalopoda besitzt eine Geschichte, die sich über 500 Millionen Jahre erstreckt, und teilweise sehr spektakuläre Formen hervorgebracht hat. Ihre Geschichte ist also praktisch genauso alt wie die der Wirbeltiere. Mehrere Autor:innen betonen die konvergente Entwicklung der beiden Tiergruppen seit dem Ordovizium. Die Fische einerseits und die Kopffüßer andererseits besiedelten praktisch die gleichen Lebensräume, waren mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert, die sich im Laufe der Erdgeschichte immer wieder stark veränderten, und entwickelten immer wieder bei ganz unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen, die sich aus ihrer Abstammung ergaben, erstaunlich ähnliche Lösungen. Ein Beispiel hierfür wäre die Entwicklung der Schwimmblase bei den meisten Fischen (zu denen jedoch die meisten Haie nicht gehören), und verschiedenen gleichwertigen Lösungen bei den Kopffüßern, wie etwa der Schulp der Sepia (siehe unten). [Staaf2020] berichtet, dass die Cephalopoda trotz ihrer bedeutenden Anpassungen immer noch zu großen Teilen das gleiche Genom besitzen wie die anderen Mollusca. Sie sind also genetisch immer noch im wesentlichen so wie Schnecken, oder Muscheln. Selbstverständlich teilen sie auch große Teile ihre Genoms mit Gliederfüßern, Würmern und Wirbeltieren so wie du und ich. Im Karbon oder in der Perm entwickelte sich aus den Baktritiden, den Kopffüßern mit geradem Gehäuse, die Gruppe der Coloeoidea, der Kopffüßer mit Innenschale. Sie bildeten eine Schwestergruppe der wohl weitaus bekannteren Ammoniten, die mit ihrer Artenvielfalt und ihrer großen Zahl an Exemplaren weltweit Spuren hinterlassen haben. Dies ging ja so weit, dass sie als Leitfossilien dazu verwendet werden, das Alter bestimmter geologischer Schichten zu bestimmen. Im Gegensatz zu fast allen modernen Kopffüßern haben Ammoniten bekanntlich Gehäuse gebildet, so wie bis heute die Landschnecken.

In der Trias haben sich die Coleoidea weiter aufgespalten, unter anderem in die Octopodiformes, zu denen diverse Gruppen von Octopoden gehören, und die Decapodiformes. Octopoden sind, wie sich aus der Bedeutung des griechischen Namens ergibt, achtarmig. Zu ihnen gehört der Gemeine Krake. Decapodiformes besitzen demgegenüber zehn Arme, von denen zwei zu spezialisierten Tentakeln umbebildet wurden. Zu ihnen gehören die beiden neben den Octopoden bedeutendsten Gruppen, die Kalmare und die Sepien. Was das Mittelmeer betrifft, sind die Kalmare Tiere des offenen Meeres und leben laut [Weinberg2015] gewöhnlich in größeren, für Schnorchler unzugänglichen Wassertiefen ab 50 m, außer zur Zeit der Eiablage, in der man vielleicht einmal dem Gemeinen Kalmar (Loligo vulgaris) begegnen könnte. Ich selbst habe einige Kalmare – durchaus in Küstennähe – auf meiner Tauchreise in die Karibik beobachtet und aufgenommen, aber dazu demnächst mehr!
Zur Morphologie der Kopffüßer

Bei der gemeinsamen Anatomie der Cephalopoda, also bei Sepien, Kraken und Kalmaren gleichermaßen, ist folgendes zu bedenken ([Hanlon2018], [Castro2019]): Alle Kopffüßer sind Raubtiere und können sich auf der Jagd schnell bewegen. Dieser Lebensweise dient auch das komplexe Gehirn und Nervensystem. Ihre großen Augen gleichen den unseren auf bemerkenswerte Weise, obwohl sie sich unabhängig entwickelt haben. Der Fuß, den die sonstigen Mollusken haben (wie z.B. die Schnecken), hat sich bei ihnen zu den Armen und Tentakeln umgewandelt. Der Mantel bildet den wassergefüllten Mantelhohlraum hinter dem Kopf, und sie besitzen eine Art „Raketenantrieb“, indem sie das Wasser aus diesem Hohlraum durch einen muskulösen Tunnel, den Siphon, hinauspressen können. Mit seiner Hilfe kann sich das Tier in nahezu jede Richtung bewegen, da es diesen frei bewegen kann. Am Kopf sitzen die Arme (daher der Name), die mit Saugnäpfen versehen sind. Die Tentakel der Sepias und Kalmare können anders als die Arme mit hohen Geschwindigkeiten aus ihrem Mantel herausgeschossen werden, um Beute zu ergreifen. Sie haben nur an den Enden Saugnäpfe.

[Staaf2020] verweist auf das Buch der beiden britischen Autoren Monks und Palmer. In letzterem heißt es zur Morphologie speziell der Sepia (in meiner Übersetzung): „Äußerlich den Kalmaren sehr ähnlich, haben die Sepien viel komplexere interne Schalen. Während die Schale eines Kalmars nicht mehr ist als ein flexibles ‚Rückgrat‘, ist die Schale der Sepia mehr wie die eines Belemniten. Es gibt ein echtes Phragmokon, wenngleich stark modifiziert, und zwar gibt es statt einer Serie von mehr oder weniger zylindrischen Kammern wie die der Belemniten eine Schale, die in tausende von kleinen Kammern unterteilt ist. Dieses Gebilde erlaubt es dem Tier, seine Dichte und damit seinen Auftrieb schnell und effektiv anzupassen. Sowohl Kalmare als auch Sepien haben Stromlinienform wie ein Belemnit, obwohl Sepien etwas zu Steifheit tendieren. Sie haben starke, muskulöse Flossen, die sie zum Schwimmen benutzen, sofern sie es nicht besonders eilig haben, und sie reservieren den Düsenantrieb für Notfälle“. Auf die Belemniten komme ich übrigens weiter unten noch. Sepien können bis zu 45 cm lang werden; das große Exemplar, das ich beobachtet habe, dürfte zwischen 30 und 40 cm lang, eher bei 40 cm, gewesen sein.

Intelligenz und Verhalten

Längst hat es sich herumgesprochen, zu welchen Intelligenzleistungen die Kopffüßer, insbesondere die Kraken fähig sind. Dementsprechend komplex kann ihr Verhalten sein. Das World Wide Web ist voll von solchen Beispielen, auch dokumentiert in zahlreichen youtube-Videos, zum Beispiel hier bei Octolab TV. Wer sich hierfür mehr interessiert, dem kann ich das Buch von Sy Montgomery (siehe Literatur) sehr empfehlen, sowie die beiden Bücher des Philosophie-Professors Peter Godfrey-Smith.
Auch das Fangverhalten der Sepia wurde schon 1984 analysiert und beschrieben ([Duval1984). In der deutschen Wikipedia (abgerufen 2023-06-16) heißt es dazu: „Beim Gewöhnlichen Tintenfisch gibt es zwei Arten des Beutefangs. Zum einen den sogenannten Tentakelschuss und zum anderen den Beutesprung. Welcher davon eingesetzt wird, ist abhängig von Art und Größe der Beute.
Der Tentakelschuss wird nur bei kleineren Krebsen, Krabben, Garnelen und Fischen eingesetzt. Hierbei stellt sich der gewöhnliche Tintenfisch zuerst in eine Position, von der er die Beute gut sehen kann, danach spreizt er die kurzen Tentakel zur Seite ab und die zwei langen Tentakel kommen zum Vorschein. Er verweilt kurz, und „schießt“ dann mit den zwei langen Tentakeln auf die Beute, um sie sicher festzuhalten. Danach schlingt der Gewöhnliche Tintenfisch seine restlichen Arme um die Beute, oder verschlingt diese sofort.
Der Beutesprung wird bei größeren Krabben eingesetzt. Bei dieser Art des Beutefangs werden die zwei langen Tentakel nicht eingesetzt. Es wäre zu gefährlich für den Gewöhnlichen Tintenfisch, wenn das andere Tier in der Lage ist, ihn an den langen Tentakeln zu verletzen. Auch hier geht der Gewöhnliche Tintenfisch wieder in eine Position, in der er die Beute gut sehen kann, und „springt“ dann auf die Beute, um sie anschließend mit den acht kleineren Tentakeln zu umklammern. Danach wird die Schale des Beutetiers mit einer Art scharfem Schnabel im Mund der Sepia geöffnet, und ein Nervengift lähmt es dann. Schließlich wird das Innere der Beute durch Enzyme im Speichel des Gewöhnlichen Tintenfisch Sepia verflüssigt und ausgesaugt. Dies kann bis zu einer Stunde dauern.“
Zur Lebensspanne der Kopffüßer

Die agilen Kopffüßer, namentlich Kraken, Sepien und auch Kalmare, haben in der Regel kurze Lebensspannen. Viele Arten von Kopffüßern produzieren nur einmal in ihrem Leben Nachkommen, und sterben anschließend. Es gibt aber Ausnahmen, und dies betrifft besonders die Nautilus-Arten. Während man Nautilus ein bis zwei Jahrzehnte im Aquarium halten kann (so wie auf dieser Aufnahme hier), leben viele Kopffüßer – selbst die größten! – wohl nur ein bis zwei Jahre. Dazu gehören die meisten Kraken, Sepien und Kalmare. In dieser Zeit wachsen die Tiere doppelt so schnell wie Wirbeltiere vergleichbarer Größe. Bei den Sepien stirbt das Männchen nach der Paarung; das Weibchen stirbt nach der Eiablage. Ausnahmen – auch bei Kraken – gibt es außerdem noch bei Tiefsee-Arten, deren gesamter Lebenszyklus temperatur- und lichtbedingt sehr viel langsamer abläuft.

Ich war einmal dabei, als im Wasser vor einem Strand jemand eine Sepia zeigte, die äußerlich völlig intakt wirkte, sich aber ausgesprochen träge verhielt. Vielleicht war das ja so ein Exemplar, dessen Lebensspanne nach der Paarung abgelaufen war.
Sepia-Schulp und Belemniten-Rostren
Wenn du selbst noch keine lebende Sepia in der freien Natur beobachten konntest, hast du dann vielleicht am Strand schon einmal den Rest ihres Innenskeletts, den weißen Sepia-Schulp, gefunden? Dieser wird auch als Kalziumquelle für die Vögel in Volieren verwendet. Wie du dem obigen Zitat bereits entnehmen konntest, bildet der Schulp, nämlich das Phragmokon, einen Auftriebskörper, und er ist entwicklungsgeschichtlich verwandt mit dem der Belemniten. Der Schulp bzw. das Phragmokon bildet eine innere Schale, die sich dorsal (auf der Rückenseite) auf der gesamten Länge des Mantels befindet. Der hier dorsal und ventral (auf der Bauchseite) abgebildete Schulp spiegelt also die Mantellänge des lebenden Tieres wieder, bei unserem Exemplar ca. 17 cm. Zusammen mit dem Kopf und dem Armkranz kämen wir auf eine Länge von knapp 30 cm für das gesamte Exemplar. Das wäre die als Untergrenze angegebene Länge eines ausgewachsenen Tieres.


Kommen wir nun zu den Belemniten. Vor mehr als 150 Millionen Jahren, im Jura, hat sich die Gruppe der Coleoidea weiter aufgespaltet. Wie gesagt, gehören die Octopodiformes und die Decapodiformes zu ihren Nachfahren; Gruppen, die bis heute existieren. Es gibt jedoch eine weitere große Gruppe von Nachfahren, die am Ende der Kreidezeit ausgestorben ist, die Belemniten. Sie haben viel mit den Decapodiformes gemeinsam und waren ähnlich wie die Ammoniten artenreich und reich an Exemplaren, so dass sie ebenfalls als Leitfossilien dienen. Die folgende Abbildung zeigt eine Photomontage aus einem Plastikmodell eines Belemniten und der Aufnahme eines echten Rostrums, dem fossilen Überrest, den man – in der Regel – als einziges Überbleibsel des Tieres findet. Dieser Teil hatte vermutlich die Funktion, den Belemniten auszubalancieren. Vor dem Rostrum, und mit ihm zusammenhängend, befand sich das Phragmokon, über das oben schon etwas gesagt wurde, und das auch bei Belemniten für den Auftrieb sorgte. Und davor befand sich eine stark reduzierte dorsale Innenschale, das Proostrakum, das den Mantel von oben her stabilisierte. Daran schloss sich dann nach vorne der Kopf an. Die Belemniten hatten wie die Decapodiformes zehn Arme, die jedoch nicht mit Saugnäpfen, sondern mit Haken ausgestattet waren.

Das Rostrum stammt aus dem 181 Millionen Jahre alten Saurierfriedhof des Eislinger Jura. Das Rostrum ist wie gesagt der harte Teil eines Belemniten, der als Fossil überliefert wird. Belemniten-Rostren werden oft in so großer Zahl auf einem Fleck gefunden, dass man von Belemniten-Schlachtfeldern spricht. Für den Saurierfriedhof von Eislingen zum Beispiel ist es kennzeichnend, dass die Fundschicht von unzähligen zusammengeschwemmten Rostren durchsetzt ist ([Rademacher2006]). Bei heutigen Sepien ist das Rostrum noch als winziger Anhang des Schulps erhalten. Sepien haben also einige Ähnlichkeit mit den Belemniten früherer geologischer Perioden. Hiermit möchte ich meine Darstellung der Kopffüßer vorläufig abschließen.
Ein Video-Tipp
Wenn du von den Kopffüßern auch so begeistert bist wie wir, dann kann ich dir noch das folgende Video aus der ARD-Mediathek empfehlen: Erlebnis Erde: Die verrückte Welt der Tintenfische. (Es war verfügbar bis 04.06.2024 ∙ 13:14 Uhr, und – hurra! – es ist erneut verfügbar bis 05.09.2026 ∙ 17:15 Uhr).














