Als Schnorchler sieht man nicht jeden Tag Plattfische. Jedenfalls geht das mir so. Sie leben auf dem Meeresgrund, und können sich perfekt an diesen anpassen: Sie liegen flach darauf, können seine Farbe und sein Muster annehmen, und wenn das nicht genügt, können sie sich auch noch mit Sand so bedecken, dass nur ihre Augen herausschauen:

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Bothus podas (Weitaugenbutt)

Da ist es dann schon etwas besonderes, wenn man trotzdem einen entdeckt. Also möglichst fotografieren, und sich das Tier genauer anschauen…!

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Bothus podas

Als nächstes will man natürlich wissen, was man da vor sich hat. Sollten Sie Angler sein und in der Gegend öfters angeln, haben Sie womöglich schon welche gefangen, und erkennen den Fisch. Oder wenn Sie regelmäßig auf Fischmärkten unterwegs sind und diese Tiere verzehren. Die meisten sind ja als Mahlzeit beliebt. Mit diesen Erfahrungen konnte ich bisher nicht aufwarten, und möchte das zum Teil auch gar nicht.

Wie also identifiziert man einen Plattfisch? In Führern wie [Louisy2015] findet sich dann ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal: Ist das Tier „linksäugig“ (gaucher) oder „rechtsäugig“ (droitier)? Sitzen die Augen also auf der linken oder auf der rechten Körperhälfte? Alle Plattfische beginnen ihr Leben im Larvenstadium nämlich wie die meisten anderen Knochenfische mit einer Form, die eine Symmetrieebene in der Mitte des Körpers hat (bilateral), so dass die linke Hälfte spiegelbildlich zur rechten ist. Erst wenn sie zum Bodenleben übergehen, verändert sich der ganze Körperbau, und die Symmetrie geht verloren. Am offensichtlichsten erfolgt dies bei den Augen, und zwar wandert ein Auge vor der Rückenflosse vorbei – teilweise sogar durch die Rückenflosse hindurch – auf die andere Körperseite. Diese wird dann zur Oberseite des Fisches.

Ich muss sagen, dass es mir anfänglich schwer fiel, zu sagen, welches die (ursprünglich) linke und welches die rechte Körperhälfte war. Die Führer sind hier auch nicht besonders hilfreich. Erst als ich den Text genauer gelesen habe, und insbesondere auf die Lage der Augen geachtet habe, bin ich hier weiter gekommen. Das Auge, das nicht wandert, hat nämlich in Relation zum Körper, zum „Gesicht“ und zum Mund eine ziemlich normale Lage. Dem anderen Auge sieht man hingegen an, dass es gewandert ist. Wenn man nun noch beachtet, dass es an der Rückenflosse vorbei gekommen ist, fällt dann die Einordnung nicht mehr schwer. Im obigen Bild ist das rechte Auge auf die linke Seite gewandert; es handelt sich also um einen „linksäugigen“ Fisch. Damit sind die „rechtsäugigen“ Fische wie beispielsweise die Seezunge (Solea solea) aus dem Rennen. Von der Körperform her sowie anhand von Muster und Farbe habe ich anfänglich nämlich durchaus auf eine Seezunge getippt. Nach gründlicher Untersuchung aller sichtbaren Merkmale habe ich den obigen Fisch als Weitaugenbutt (Bothus podas) identifiziert. Es handelt sich übrigens um die einzige Art der Gattung Bothus, die im Mittelmeer lebt. Sie gibt der Familie der Butte (im Deutschen auch Linksaugen-Flundern) ihren Namen: Bothidae. Besonders beim Männchen – wie hier – stehen die beiden Augen besonders weit auseinander (Name!) und das frontale Profil ist beinahe senkrecht.

So wie hier getarnt wäre Bothus podas bereits schwerer zu entdecken gewesen!

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Bothus podas: Man sieht fast nur die Augen

Plattfische haben eine ganze Reihe von evolutionären Anpassungen hervorgebracht, die den Erfolg dieser Tiergruppe immerhin seit dem Eozän, also seit mehr als 35 Millionen Jahren gesichert haben. Merkwürdigerweise sind die beiden fossilen Bothus in [Frickhinger1991], einer aus dem mittleren Eozän, allerdings beide rechtsäugig!

Die Plattfische sind stammesgeschichtlich alle verwandt. Früher wurden sie in eine eigene Ordnung der Pleuronectiformes eingeordnet. Nach [Girard2020], einer Studie auf genomischer (DNA) und morphologischer (Synapomorphien) Basis, bildet die Gruppe eine Unterordnung Pleuronectoideo innerhalb der Ordnung Carangiformes. Die meisten Butte gehören im übrigen den beiden Gattungen Arnoglossus (Lammbutte) und Engyprosopon an. Der Rundbutt (Engyprosopon grandisquama) ist laut [Münzing-Pl] in Japan ein häufiger Speisefisch.

Das Leben am Meeresgrund kann aber auch noch ganze andere Formen annehmen. Und viele davon sind keine Fische… Zu ihnen gehören auch die Krabben. Während des Schnorchelns begegnen mir allerdings normalerweise keine Krabben. Dafür lassen sie sich mitunter recht leicht am Ufer aufspüren, so wie die Felsenkrabbe (Pachygrapsus marmoratus) hier an der Nordküste Sardiniens.

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Pachygrapsus marmoratus (Felsenkrabbe)

Die Felsenkrabbe gehört zur Familie der Grapsidae (Quadratkrabben), die alle einen Panzer (Carapax) mit nahezu quadratischer Grundfläche haben, aus der Teilordnung der Brachyura (Krabben), und zur Ordnung der Decapoda, also der zehnfüßigen Krebse, wobei, wie man sieht, die beiden Scheren mitgezählt werden. Die Decapoda wiederum gehören zur Klasse der Malacostraca, der Höheren Krebse, und diese zum Unterstamm der Crustacea (Krebstiere), und diese wie die Insekten, Skorpione und Spinnen zum Stamm der Arthropoda (Gliederfüßer). (Die spezifischeren Angaben stammen aus [Weinberg2015], [Riedl] und [Martin2001])

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Pachygrapsus marmoratus

Laut Weinberg kann Pachygrapsus marmoratus lange Zeit ohne Wasser auskommen, und diese hier habe ich auch beim Sonnenbad auf einem Felsen aufgenommen, wobei eine von ihnen gerade erst aus dem Wasser gekommen war. Ihr Panzer hat eine Seitenlänge von 4 bis 5 cm. Beachten Sie, wie die Krabbe mit ihren Stielaugen einen Rundum-Blick von 360° hat!

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Pachygrapsus marmoratus

Eine besonders hilfreiche Beschreibung von Pachygrapsus marmoratus habe in [DeHaas1999] gefunden. Dort heißt es: „Viereckskrabbe mit bis 3 cm langer, quadratischer Kopfbrust bei flachem, glatten Rückenschild mit breitem, dreifach eingebuchteten Stirnrand und zwei bis drei spitzen Zähnen am vorderen Teil der annähernd parallelen Seitenränder; oben gelblichgrün bis graugrün mit dunklen Querlinien und Fleckmarmorierung, unten gelblichweiß. (…)“

Bei der Auswahl der Tiere auf dieser Seite habe ich mich auf die vagilen (frei beweglichen) beschränkt. Dabei verdienen die sessilen (festgehefteten) eigentlich dieselbe Aufmerksamkeit. Denken Sie nur einmal an Seeanemonen und Korallen! Ersteren möchte ich mich jedoch bald an anderer Stelle zuwenden.

Zum Schluss noch ein paar Sätze zum Meeresgrund selbst. Er tritt in unterschiedlichen Formen auf, als Boden, der mit Felsen oder Neptungras oder mit beidem bedeckt ist, oder mit Grün- oder Braunalgen bedeckt, oder Sandboden, etwa als Fortsetzung eines Sandstrandes. Unter Sand versteht man Sedimente mit einer Korngröße von 0,063 mm bis 2,0 mm. Die Korngröße hat wesentlichen Einfluß auf die Zusammensetzung der Bodenlebensgemeinschaft ([Bergbauer2017]). [Weinberg2016] und [Bergbauer2017] gehen ausführlicher auf das Lückensystem zwischen den Körnern ein, als ich das hier tun möchte. Im Sandboden können sich jedenfalls Tiere mit einer Größe zwischen 0,2 mm und 2 mm mehr oder weniger ungehindert durch das Lückensystem bewegen, die sogenannte Mesofauna. Sie bleibt uns Schnorchlern verborgen, kann jedoch die Nahrungsgrundlage für größere Tiere bilden.