Wenn Sie schon öfters mit Taucherbrille und Schnorchel im Mittelmeer unterwegs waren, nicht weit vom Ufer vor oder zwischen den Felsen, dann werden Sie die Tiere und Pflanzen, die Sie hier sehen werden, sicher wieder erkennen. Es sind solche, die man nach meiner Erfahrung dort immer wieder antreffen kann. Die Photos auf dieser Seite stammen von der Côte d’Azur und den Küsten Korsikas und Sardiniens. Sie sind im Infralitoral aufgenommen, also jenem Teil des Felslitorals, der zwischen der Niedrigwasserlinie und der Untergrenze der Seegraswiesen liegt. ([Patzner1989], [Weinberg2016])

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Diplodus sargus

Das  Exemplar im ersten Bild ist ein Diplodus sargus. Sein deutscher Trivialname lautet Bindenbrasse. Wie alle Fische auf dieser Seite halten sie sich gerne schwimmend in der Nähe des Grundes (im Gegensatz zum offenen Meer) auf. Diese Fische sind nicht nur nicht besonders scheu, sondern nähern sich uns Schnorchlern gerne einmal und zeigen Interesse. Sie gehören zur Familie der Sparidae (Meerbrassen). In diesem Bild gut zu sehen sind die aufgerichteten Flossenstrahlen oder Stachelstrahlen, vor allem in der Rückenflosse. Diese sind nicht immer so deutlich zu erkennen. Die Stachelstrahlen geben der übergeordneten Gruppe der Actinopterygii (Strahlenflosser) ihren Namen. Diese Gruppe stellt ungefähr die Hälfte der Arten in der großen Gruppe der Teleostomi (Knochenfische im weiteren Sinne) ([Nelson 2016]). Sie werden hier dementsprechend nur Fische sehen, die zu den Strahlenflossern gehören. Diplodus sargus erkennt man nicht nur an seinem auffälligen schwarzen Fleck am Schwanzstiel, sondern auch an dem von einer schwarzen Membran gesäumten Kiemendeckel. Wie alle Sparidae hat er einen gegabelten Schwanz. Die Form des Schwanzes ist ein Grundmerkmal, das man als Schnorchler leicht erkennen kann. Sie liefert daher stets einen ersten Hinweis auf die Zugehörigkeit zu einer Tiergruppe.

Diplodus vulgaris (Zweibindenbrasse)

Noch neugieriger, manchmal beinahe aufdringlich haben sich mir Vertreter der folgenden Spezies gezeigt: Diplodus vulgaris oder Zweibindenbrasse. Sie ist im zweiten Bild zu sehen. Ein Tier hat mich buchstäblich mehrere Male umkreist, während ich mich um meine eigene Achse gedreht habe und versucht habe, das Tier im Blick zu behalten. Allgemein möchte ich sagen, dass sich Fische allgemein „in freier Wildbahn“ oft völlig anders verhalten als zum Beispiel in Zoos oder großen Aquarien. Sie sind häufig viel aktiver, und ich habe erst in dieser Umgebung eine intensive Beziehung zu ihnen entwickelt. Übrigens haben, obwohl es auf diesem Bild nicht zu sehen ist, auch diese Tiere hier eine lange, strahlige Rückenflosse. Charakteristisch sind ein schwarzer Balken am Hals und einer am Schwanzstil, der bis zur Rückenflosse hinauf reicht. Den orangenen Balken über den Augen habe ich eigentlich auch immer gesehen, aber er wird in der Literatur nicht als charakteristisch angegeben.

Mit der nächsten Spezies wenden wir uns einem spannenden Thema in der Biologie der Fische zu. Von Menschen und anderen Säugetieren wie Katzen und Hunden sind wir es gewohnt, das Geschlecht als ein unveränderliches Merkmal zu betrachten. Aber bei vielen Fischarten, insbesondere in der Familie der Labridae (Lippfische) ist das nicht so. Die Rede ist hier von Coris julis, dem Meerjunker. Er ist ein diandrischer protogyner Hermaphrodit. Er beginnt sein Leben also als Weibchen (♀) und beendet es als Männchen (♂).

Coris julis (Meerjunker) im Initialgewand

Die genauen Einzelheiten waren allerdings lange nicht erforscht. Nach heutigem Stand der Wissenschaft lässt sich folgendes sagen: Die Spezies kommt in zwei farblich deutlich unterschiedlichen Erscheinungsformen vor, die als „initial phase“ und „terminal phase“ oder auch als „initial livery“ und „terminal livery“ bezeichnet werden, also soviel wie Anfangsgewand und Endgewand. Alle Weibchen und ein variabler Anteil von Männchen zeigen das Anfangsgewand. Das Endgewand wird nur von Männchen gezeigt. (di-andrisch: zwei Formen von Männchen.)

Coris julis (Meerjunker) im Terminalgewand

Coris julis im Initialgewand lässt sich an dem deutlich sichtbaren weißen Band erkennen, das den dunklen Rücken vom hellen Bauch trennt. Der helle Bauch ist mitunter gelblich gefärbt, wofür dieses Photo kein gutes Beispiel ist.

Das deutlichste Merkmal des Terminalgewands ist eine ausgeprägte orangene mediane Zickzack-Linie. An der Flanke ist außerdem ein länglicher dunkler Fleck zu sehen. Der Rücken ist blau-grün gefärbt.

Wie Sie sehen, ist die Schwanzflosse nicht gegabelt. Das trifft auch auf die anderen Vertreter der Labridae zu. Die Labridae haben so wie die Sparidae eine Rückenflosse.

Ohne Übertreibung lässt sich wohl sagen, dass Coris julis eine der am häufigsten vorkommenden Fischarten an den Küsten des Mittelmeers ist. Dabei kommen die Tiere im Initialgewand nach meiner Beobachtung in Strandnähe etwas häufiger vor als diejenigen im Terminalgewand.

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Symphodus tinca (Pfauenlippfisch) im Initialgewand

Während viele der Spezies, denen wir hier begegnen, nicht nur im gesamten Mittelmeer sondern oft auch bis weit in den Atlantik hinein oder darüber hinaus verbreitet sind, handelt es sich bei Symphodus tinca, dem Pfauenlippfisch, um eine endemische Spezies. Sie kommt also nur im Mittelmeer vor. Der wissenschaftliche Name Crenilabrus pavo ist inzwischen veraltet. Die Spezies durchläuft wie alle Labridae im Laufe ihres Lebens eine Geschlechtsumwandlung von weiblich zu männlich. Auch diese Spezies tritt in unterschiedlichen Gewändern auf. Das terminale Gewand der Männchen ist dabei wie gewöhnlich am farbenprächtigsten. Es liegt also auch hier ein sogenannter sexueller Dimorphismus (Zweigestaltigkeit ♀ ↔ ♂) vor.

Das auffälligste Merkmal von Symphodus tinca sind die drei dunklen seitlichen Längsstreifen, einer davon oben am Rücken. Auch meist gut zu sehen ist der kleine schwarze Fleck am Schwanzstiel (kann manchmal schlecht zu sehen sein oder fehlen). Außerdem hat die Spezies eine V-förmige Markierung über dem Mund. Die spitz zulaufenden Lippen gelten ebenfalls als charakteristisch. Alle Aussagen treffen auf beide Gewänder zu. Beim terminalen Gewand sind darüber hinaus noch die zahlreichen blauen Punkte zu erwähnen, vor allem auf den Flossen, wie hier auch gut zu sehen ist. Patrick Louisy beschreibt in seinem Mittelmeer-Fischbestimmungsführer übrigens zwei weitere Gewänder für Jungfische.

Symphodus tinca (Pfauenlippfisch) im Terminalgewand

Ich weiß nicht, inwieweit es Ihnen bewußt ist, aber wir Schnorchler haben bei der Erkundung der marinen Lebenswelt eine privilegierte Position: Denn nur wir erleben diese Lebewesen in den vom Sonnenlicht durchfluteten ersten (obersten) Metern des Meeres, und können sie so in ihren natürlichen Farben sehen. Wenn Sie als Taucher mit dem Boot hinausfahren und in Tiefen von 20 bis 30 m oder mehr vordringen, dann wissen Sie, dass bereits ein erheblicher Teil des Sonnenlichts vom Wasser darüber absorbiert wurde, und dass Sie auf Unterstützung durch Lampen und Blitzlicht angewiesen sind. Der Effekt ist bereits spürbar, wenn man mit Unterstützung der Flossen in Tiefen von ca. 6 bis 8 m abtaucht. Probieren Sie es selbst aus, wenn Sie den Wunsch verspüren! Auch die Farben verändern sich, da rote, orange und gelbe Anteile zuerst verloren gehen, und die grünen und blauen übrig bleiben. Daher sind auch die Photos in den gebräuchlichen Führern zur Identifikation fast immer in künstlichem Licht aufgenommen worden – anders als in meinen Bildern, obwohl auch ich ein Cameraprogramm zur Unterwasser-Farbkorrektur verwende. Die Photos entsprechen dennoch (bzw. gerade deshalb) meinem subjektiven Farbeindruck, sehen also so aus, wie ich die Fische selbst gesehen habe.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das bei den farbenprächtigsten Arten. Zwei davon möchte ich Ihnen jetzt vorstellen: Zunächst Serranus scriba, den Schriftbarsch. Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, habe ich ihn neben den anderen Fischen kaum beachtet. Er könnte sich so unauffällig zeigen wie in dem folgenden Bild:

Serranus scriba caché
Serranus scriba in Deckung

Er hält sich nämlich von uns Schnorchlern in der Regel fern und ist geschickt darin, sich unter einem Felsvorsprung oder zwischen den Algen zu verstecken. Es empfiehlt sich also, die Augen offen zu halten, wenn man nach ihm sucht. Wenn man ihn erblickt hat, dann hält er Abstand, man kann sich ihm aber durchaus nähern. Patrick Louisy beschreibt ihn sogar als neugierig, was sich nicht mit meiner Erfahrung deckt, jedoch schreibt auch „der Riedl“, dass er Taucher bis auf 2 m anschwimmt und dann ins Versteckt wegschießt. Wenn man ihn einmal aus den Augen verloren hat, lohnt es sich, in der Nähe zu bleiben und nach ihm zu suchen, denn dieses Tier ist territorial. Es bleibt also in seinem festen Gebiet.

Serranus scriba
Serranus scriba (Schriftbarsch)

Über das unterschiedliche Aussehen von Weibchen und Männchen brauchen wir uns bei Serranus scriba keine Gedanken zu machen: Er ist ein synchroner Hermaphrodit; er ist also beides gleichzeitig, und liefert uns damit eine weitere Spielart der vielfältigen Sexualität von Fischen.

Serranus scriba gehört der Familie der Serranidae (Sägebarsche) an. Serranidae besitzen wie die Labridae eine nicht gegabelte Schwanzflosse.

Warum heißt der Schriftbarsch Schriftbarsch?“ Fragen dieser Art werden normalerweise selten diskutiert. Steven Weinberg schreibt in seinem Mittelmeerführer jedoch: „Die rötlichen und blauen Zeichnungen auf dem Kopf ähneln Schriftzeichen ein bisschen, daher der Name der Spezies“ (in meiner Übersetzung). Hierzu das nächste Bild.

Serranus scriba tête
Kopf eines Serranus scriba

Nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper sind die Farben von Serranus scriba unverwechselbar, und – wie ich finde – sehr schön. Sie sind allerdings nicht immer genau gleich, wie ich auch mit dem nächsten Bild demonstrieren möchte.

Serranus scriba mit rötlichem Kleid

Von daher werden die Merkmale wichtig, die immer vorhanden sind. Patrick Louisy nennt hier die dunklen Bänder, die paarweise angeordnet sind, den bläulich gekennzeichneten Bauch und den gelben Schwanz. Alle diese Merkmale habe ich auch jedes Mal gesehen.

Laut Riedl ist Serranus scriba territorial mit fixen Versteckplätzen. Nach Harmelin kann er sowohl zwischen den Felsen als auch in der Nähe von Unterwasserwiesen gefunden werden. Wie die meisten Fische dieser Zone (und überhaupt; zu den Ausnahmen komme ich später …) ist er carnivor: Er macht (nach Riedl) Jagd auf kleine Fische und Garnelen.

Bei manchen Tieren ist es hilfreich, wenn man weiß, wo man sie suchen muss: Der nächste Fisch, den wir betrachten, ist in den hellsten Zonen anzutreffen, oft buchstäblich im obersten Meter. Und in der Nähe der Felsen. Beides zusammen genommen bedeutet meist: Dort, wo sich die Wellen an den Felsen brechen, und wo Vorsicht geboten ist.

In der Brandungszone
In der Brandungszone…

Dort findet man das schönste Tier, dass ich selbst je im Mittelmeer gesehen habe. Schon sein Name lässt bereits seine wunderschönen Farben erahnen: Thalassoma pavo, der Meerpfau.

Thalassoma pavo gehört zu den Labridae, und ist daher ebenfalls ein protogyner Hermaphrodit. Exemplare im Initialgewand sind Weibchen (♀); sobald die Geschlechtsumwandlung zum Männchen (♂) einsetzt, beginnt sich das auch im Aussehen zu zeigen. Nähere Einzelheiten hierzu liefert Patrick Louisy, auf den ich auch hier gerne verweise ([Louisy 2015]). Aber auch Steven Weinberg geht in seinem Mittelmeerführer ([Weinberg2015]) ausführlich darauf ein.

Die Grundfarbe der Weibchen ist gelbgrün, je nach Individuum auch mehr orange. Sie besitzen fünf türkisfarbene oder blaugrüne vertikale Bänder. Auffällig ist auch ein schwarzer Fleck am Rücken. Die Schwanzflosse endet bei Jungtieren gerade und ist dagegen bei den Weibchen „leierartig“ ausgefranst, d.h. die Strahlen am Rand sind etwas länger (Louisy). Beide Geschlechter haben feine vertikale Streifen an den Seiten gemeinsam, sowie eine blaue vernetzte Zeichnung am Kopf (Louisy). Nach meiner Wahrnehmung scheinen die Männchen eine dunklere Ausprägung des Blaus aufzuweisen. ♀ und ♂ werden 20 bis 25 cm lang. Die Exemplare, die ich gesehen habe, waren wohl etwas kürzer. Laut Weinberg handelt es sich bei dieser Art um eine der farbenprächtigsten Arten des Mittelmeers, den tropischen Fischen ähnlich. Ihm zufolge handelt es sich sogar um Zeugen aus der Zeit, als sich in unseren geografischen Breiten noch das Meer Tethys erstreckte! Und Fische der Gattung Thalassoma sind auch heute noch in den Tropen stark vertreten.

Thalassoma pavo f.
Thalassoma pavo

Die Tiere im Terminalgewand, die Männchen (♂), sind ähnlich prachtvoll wie die Weibchen, weisen aber deutliche Unterschiede im Aussehen auf. Im Unterschied zu den Weibchen haben sie nur ein türkisfarbenes Band hinter dem Kopf. Der Körper ist dicker, und die Schwanzspitzen ausgeprägter. Der schwarze Fleck am Rücken ist verschwunden.

Laut DORIS ist der Meerpfau carnivor, lebt räuberisch, und ernährt sich im wesentlichen von kleinen wirbellosen Tieren, die er im Substrat findet, im Sand oder zwischen dem Neptungras: Crustaceen, Mollusken, Würmer und so weiter. Es handelt sich nach meiner Beobachtung um äußerst agile Fische, die sich oft schnell bewegen und daher schwieriger zu beobachten und photographieren sind. Wenn man sie nicht entschlossen verfolgt, verliert man sie leicht aus dem Auge, obwohl ich sie auch schon an Stellen gefunden habe, an denen sie über längere Zeit geblieben sind. Sie scheinen territorial zu sein, denn ich habe sie – wenn auch manchmal erst nach längerem Suchen – immer wieder in den gleichen relativ eng begrenzten Gebieten (geschätzte Größe 20 x 20 m²) sowie an besonderen Plätzen (z.B. bestimmten Felsen) gefunden.

Thalassoma pavo male
Thalassoma pavo ♂

Über Jahre begegnete mir Thalassoma pavo nur als einzelne Exemplare, manchmal zwei Weibchen, manchmal ein Männchen und zwei Weibchen, selten mehr. Irgendwo hatte ich schon einmal einen Videoclip gesehen, in dem viele Exemplare dieser Art gleichzeitig zu sehen waren. Aber ich musste bis zu meinem ersten Aufenthalt an der Ostküste von Sardinien warten, um diese Erfahrung selbst zu machen. Dort heißt die Art donzella pavonina [Ambiente2021] . Es handelte sich um Schulen von teilweise über 30 Exemplaren, die oft über sandigem Grund in der Nähe von Felsen schwammen. Das Verhalten der Fische in einer solchen Gruppe, die viele Weibchen mit teilweise unterschiedlichen Grundfarben und mehrere Männchen, manchmal auch Übergangsformen von Weibchen zu Männchen enthielt, war faszinierend, wenngleich es mir nicht gelungen ist, das Hin- und Herschießen hauptsächlich der Männchen eindeutig einzuordnen. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich dabei um Balz- oder Imponierverhalten handelte. Ich konnte jedoch genauso wenig Territorialkämpfe zwischen Männchen erkennen. Laut [Bergbauer2017] fällt die Fortpflanzungszeit in die Sommermonate, was soweit passen könnte.

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Größere Schule von Thalassoma pavo

Der nächste Fisch ist sehr variabel was die Wahl seines Aufenthaltsorts angeht ([Louisy2015]), die Goldbrasse (Sparus aurata). Im Französischen wie auch im Deutschen wird er als Dorade bezeichnet, jedoch kommt es im Französischen auf die Schreibweise an: La daurade royale oder nur daurade. Der Name daurade ohne Zusatz kann sich im Französischen auf unterschiedliche Fischarten beziehen. (Es sind sowohl die Schreibweisen daurade als auch dorade möglich.) Häufig ist er am Übergang zwischen Fels und Sand zu finden. Mit seinen in mehreren Reihen stehenden Mahl- und Schneidezähnen bereiten ihm harte Muschelschalen keine Probleme. Er ernährt sich außerdem auch von Schnecken und Krebstieren. ([Patzner2006])

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Sparus aurata

Die Photos in diesem Beitrag sind meine eigenen.